Man klopfe sich den Puderzucker vom Sakko, trage den Kater mit der Würde der Verzweiflung und versuche vorsichtig, mit koffeinhaltigen Heißgetränken das Antlitz vor dem ersten Spiegelblick zu entknittern. Während meiner einer unter der Dusche versucht, die Zehenspitzen zu sehen – Spiegelbild in den Fliesen gilt nicht! – formen die Lippen eine beliebige Melodie und im Kopf explodiert ein Verslein, quasi als mentale Blähung, und entlädt sich in den öligen Duschwrasen:

Es ist auch dieses Jahr vollbracht,
der Weihnachtsmann wurd’ umgebracht,
mit Putenknochen schwer getroffen
und dann in Punsch und Wein ersoffen,
mitten rein des Karpfens Marinade,
der stirbt Sylvester (auch nicht schade)
und während wir uns an ihm laben
wird schnell das alte Jahr vergraben,
nachdem Raketen es erschossen und
uns die Schnäpse ins Koma gossen…
Vielleicht werd’ ich auch morgen wach,
heißa, dann ist Neujahrstach.

Doch, am ersten Weihnachtsfeiertagsabend fiel eine Flasche Dornfelder so unglücklich in zahlreiche Gläser, dass diese durch Kehle und Magen doch wieder zu Kopfe steigend erst die Sinne und dann am Ende auch noch den Magen dergestalt in Aufruhr versetzten, dass letzterer den als solchen nicht mehr wiederzuerkennenden Dornfelder erneut dem Kopf übergab, was dieser dann auch tat, leider fern der Keramikschüssel – und Tabletten waren auch eine da. Ein rotäugiger Clochard blickte mich missgelaunt an und erbat gründliche Rasur, kein Problem, Weihnacht, machen wir alles im Zuge der Menschlichkeit, Ratzinger – mir fällt gerade sein Nickname nicht ein – will es so und all die anderen Funktionäre der unterschiedlichsten Glaubensdiktaturen: Glauben ist gut.

Fragt sich nur, für wen.

Ein Besuch im Jüdischen Museum zu Berlin brachte die Erkenntnis, dass es einige Gemeinsamkeiten gibt zwischen Judentum und Islam. Nein, nicht Munition und Waffen, mit dem sie sich gegenseitig die Gemeinsamkeiten aus dem Kopf schießen, in der Ausübung der Religion, in Ritualen und Lebenseinstellungen, was wiederum jeder nachhassenden Generation schön verschwiegen wird. Aber was wären alle diese Religion ohne ihre Feindbilder, ohne ihre Ab- und Ausgrenzungen? Was braucht ein Gott viele selbst ernannte Parteien, die völlig undemokratisch die Alleinvertretung beanspruchen auf dem Rücken derer, die fälschlicher Weise dem Irrtum erliegen, dass Glauben auch nur irgendetwas mit einer Kirche zu tun haben könnte, mit einem Schrein, einer Synagoge, einer Moschee, einer Statue? Ob Tora-Rolle, Evangelium, Koran oder Mao-Bibel, wer Führern – egal, wie weltlich, unterweltlich oder himmlisch auch immer – blind oder überhaupt folgt, hat doch einen Glauben als solchen schon verraten. Wenn alle, die einem dieser falschen Propheten folgen, die Grundsätze des Glaubens an sich folgen, sie leben würden, ungeachtet dessen, was der Nachbar, der andere, tut in der Gewissheit, mit sich im Reinen und anderen ein Vorbild sein zu wollen, wäre ein Paradies nichts weiter als ein botanisches Museum, ein Modellbiotop ohne weitere Bedeutung, wäre das reale Leben ein harmonisches Miteinander. Wäre. Wenn unsere Herkunft nicht wäre und die unendliche Langsamkeit der Evolution. Auch im Kopf.

In meinem hat der Dornfelder den Kampf verloren und Alltag ist und noch wenige Tage bis zum Jahreswechsel und der fälligen Kampfansage an das kommende Jahr und alles wird ganz anders, obwohl alles bleibt, wie es ist samt Rauchen, Alkohol, Völlerei – auch wenn die Zutaten immer billiger (vulgo schlechter) werden und Vorsätze leichter brechen als Fingernägel und jede neue Hose weiter wird und dadurch alles beschwerlicher und der Kopf noch Hüte trägt und nicht mehr denken mag, aber muss und neue Liebe so sinnvoll ist wie eine Sauna im Sahel und auch zum Ende des kommenden Jahres wieder die alte Litanei ertönen wird zur Selbstreinigung und unfreundlichen Erbauung der selbstverschuldeten Leser. Tief durchatmen.

Schlimmer als in diesem Jahr kann es im neuen nicht werden. Das sage ich mir jedes Jahr. Und prompt wurde es schlimmer. So singe ich wie jedes Jahr meinen höchst privaten Nachweihnachtsendblues.